von Frank Grünert, BDAT-Vizepräsident und Vorstand des Thüringer Theaterverbandes
Wir verneigen uns vor einer Frau, die das Amateurtheater und die kulturelle Jugendbildung in Thüringen und weit darüber hinaus wie keine andere geprägt hat. Am 19. März 2026 verstarb Renate Lichnok im Alter von 83 Jahren nach schwerer Krankheit. Mit ihrem Tod verlieren wir eine visionäre Theatermacherin, deren Wirken in die Herzen unzähliger Menschen strahlte. Ihr jahrzehntelanges Engagement wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz (2005) und dem Deutschen Amateurtheaterpreis „amarena“ für ihr Lebenswerk (2010) gewürdigt.
„Mit dem Tod von Renate Lichnok hat das Amateurtheater eine prägende Theaterpersönlichkeit verloren. Renate hat nach der Wende dem Kinder- und Jugendtheater in Deutschland entscheidende Impulse gegeben, indem sie ihre „Schotte“ in Erfurt zum Vorbild und Maßstab eines ambitionierten und frischen Theaters mit jungen Menschen gemacht hat. Neben einem hohen sozialen, pädagogischen und gesellschaftlichen Anspruch in der Theaterarbeit mit jungen Menschen war für Renate die ästhetisch-künstlerische Arbeit auf der Bühne von besonderer Bedeutung. Ihre Gradlinigkeit und ihr künstlerischer Anspruch haben sich auf die jungen Menschen übertragen und sie zu Leistungen angespornt, die sich in zahlreichen Preisen und Ehrungen ausdrückten.“ Mit diesen Worten würdigt BDAT-Ehrenpräsident Norbert Radermacher die Theatermacherin.
Renate Lichnok glaubte zutiefst an das Potential der Kunst, insbesondere als wertvoller Beitrag zur Persönlichkeitsbildung. Nach ihrer Ausbildung als Diplompädagogin gründete sie 1987 das Jugendtheater „Ti(c)k“ in Erfurt, bevor sie 1991 mit dem Aufbau des Theaters „Die Schotte“ ihr Lebenswerk schuf. Unter ihrer langjährigen Leitung verwandelte sich eine ehemalige Turnhalle in ein europaweit anerkanntes Zentrum für Kinder- und Jugendtheater. Dabei ging es ihr nie allein um ästhetische Perfektion, sondern darum, jungen Menschen einen geschützten Raum zu geben, in dem sie sich „freispielen“ und zu selbstbewussten Persönlichkeiten reifen konnten. Ihr Ziel war primär die Stärkung und das Zusammenführen von Menschen, die sie ermutigte, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.
Für den Thüringer Theaterverband und die gesamte Amateurtheaterszene war Renate Lichnok eine unverzichtbare Säule. Als Mitbegründerin des Thüringer Amateurtheaterverbandes am 20. September 1990 setzte sie sich zum Ziel, die Qualität und Vielfalt der thüringischen Bühnenlandschaft in einer Zeit des Umbruchs zu sichern und zu vernetzen. Sie war weit mehr als eine Funktionärin; sie war eine leidenschaftliche Botschafterin, die Thüringens Theaterkraft bei zahlreichen Festivals im In- und Ausland sowie in nationalen Gremien präsentierte. In der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen setzte sie sich unermüdlich für die Professionalisierung und politische Anerkennung der kulturellen Bildung ein. Sie begriff Theaterarbeit als Querschnittsaufgabe an der Schnittstelle von Kultur, Bildung und Jugendpolitik. Was Renate Lichnok besonders auszeichnete, waren die menschlichen Stärken: ihre unbestechliche Ehrlichkeit, ihre tiefe Empathie und ihr Mut, leidenschaftlich für die Sache der Jugend einzustehen. „Die Ehrlichkeit soll rüberkommen“ war eines ihrer Credos. Nur wer mit echter Begeisterung vermittelt, kann andere anstecken.
Wir nehmen Abschied von einer herausragenden Theaterpädagogin, Mentorin und Freundin. Unser tiefes Mitgefühl gilt ihrer Familie und allen, deren Weg sie begleitete. Renate Lichnok hinterlässt Spuren, die nicht verwehen – in den Institutionen, die sie prägte, in ihren Kunstwerken aus Ton und Farbe und in den Biografien der Menschen, die sie ermutigte, über sich hinauszuwachsen.