50. MuPliSchu 2026

Gespräch über das „Wetzlar-Virus“ und die Zukunft des Amateurtheaters

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„Mit Passion und Vision in die Zukunft: Wir inszenieren das Morgen“ – unter diesem Schwerpunktthema blickt der BDAT 2026 auf die Kraft des Amateurtheaters und die Menschen, die es gestalten. Ein besonderer Anlass dafür war im Juni 2026 die 50. Ausgabe der MuPliSchu, der Multiplikator*innenschulung für Kinder- und Jugendtheater des BDAT-Bundesarbeitskreises Kinder- und Jugendtheater in Wetzlar.

Seit mehr als 25 Jahren ist Michael „Örni“ Arnold mit der MuPliSchu verbunden – zunächst als Teilnehmer, später als Referent und Mitglied des Bundesarbeitskreises Kinder- und Jugendtheater. Im Gespräch erzählt er von der besonderen Atmosphäre in Wetzlar, von Veränderungen und Konstanten der vergangenen Jahrzehnte und davon, warum Begegnungen wie diese gerade heute so wichtig sind.

Örni, Du bist seit vielen Jahren Teil der MuPliSchu. Erinnerst Du Dich noch an Deine erste Teilnahme?

Sehr gut sogar. Das muss 1999 gewesen sein. Damals wurde ich als Jugendleiter des Landesverbands Amateurtheater Sachsen nach Wetzlar delegiert. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was mich dort erwartet. Was mich sofort beeindruckt hat, war die Offenheit. Ich wurde vom ersten Tag an aufgenommen, als wäre ich schon immer dabei gewesen. Ich besuchte den Kabarett-Workshop bei Walther Edelmann und Frank Engeln. Die Atmosphäre, die Freude am gemeinsamen Theaterspiel und diese besondere Gemeinschaft haben mich nicht mehr losgelassen.

Später entstand dafür der liebevolle Begriff des „Wetzlar-Virus“. Ich finde, das beschreibt die MuPliSchu bis heute ziemlich treffend. Ich war direkt infiziert. Einmal musste ich in all den Jahren leider aussetzen, weil ich mit einer meiner Theatergruppen zu einem Theaterfestival im tschechischen Ostrov war. Meine Freund*innen waren in Wetzlar und sendeten mir immer wieder Nachrichten. Ich war so neidisch und wusste: Das wird mir nie wieder passieren. Wetzlar wurde zu einem festen Termin in meinem Kalender.

Was macht die MuPliSchu aus Deiner Sicht so besonders?

Die MuPliSchu ist wohl das umfangreichste Workshopangebot für junge und fortgeschrittene Theaterleute, die sich auf ihrer Heimatbühne mit dem Theaterspiel oder der Anleitung von Theatergruppen beschäftigen. Durch das vielseitige Kursangebot findet sich jeder in seinem Interessenbereich wieder. Sei es Tanztheater, Sprechtheater, Improvisationstheater, Musical oder Kabarett. Es wird viel Wert auf die Grundlagen der Theaterkunst in allen Sparten gelegt, sodass auch junge aufstrebende Darsteller*innen und Spielleiter*innen die Basics kennenlernen, um sich in den folgenden Jahren weiterentwickeln zu können.

Mindestens genauso wichtig ist aber das, was zwischen den Workshops passiert. Menschen kommen zusammen, lernen voneinander, tauschen Erfahrungen aus und knüpfen Freundschaften. Viele treffen sich nur einmal im Jahr – und trotzdem fühlt es sich jedes Mal so an, als hätte man sich erst gestern gesehen.

Die MuPliSchu hat in diesem Jahr ihre 50. Ausgabe gefeiert. Wie hat sie sich im Verlauf der Zeit verändert?

Sie ist nie stehen geblieben. Das finde ich, ist vielleicht ihre größte Stärke. Im Laufe der Jahre wurden immer wieder neue Formate entwickelt. Manche haben sich etabliert, andere wieder verabschiedet. Es gibt kein starres Konzept. Stattdessen wird ausprobiert, weitergedacht und auf die Bedürfnisse der Teilnehmer*innen reagiert. Formate wie das Werkstatt-Schnuppern oder das Team-Teaching sind gute Beispiele dafür.

Gleichzeitig ist die MuPliSchu internationaler geworden. Referent*innen aus verschiedenen Ländern bringen neue Perspektiven und Methoden mit. Dieser Blick über den Tellerrand ist unglaublich wertvoll, weil er die eigene Theaterarbeit erweitert und neue Impulse gibt.

Und was ist trotz aller Veränderungen gleichgeblieben?

Ich weiß nicht genau, ob es die „Offene Bühne“ schon von Anfang an gab, aber sie ist eine feste Größe der MuPliSchu und ich halte sie auch für sehr wichtig. Die Teilnehmer*innen können sich neben ihrer Arbeit in den Kursen von ihrer eigenen Seite zeigen. Sei es an einem Instrument, als Schauspieler*in, als Sänger*in oder Tänzer*in. Hier sind den Leuten keine Grenzen gesetzt und es ist immer wieder spannend, all die verborgenen Talente und Fähigkeiten zu sehen. Seit vielen Jahren habe ich die große Ehre, zusammen mit dem aktuellen BDAT-Präsidenten Simon Isser diese offene Bühne zu moderieren.

Ein besonderes Augenmerk liegt außerdem auch schon immer auf dem „Netzwerken“. Die Teilnehmer*innen sollen die Möglichkeit bekommen, sich zu treffen, zu reden und Projekte außerhalb der MuPliSchu zu entwickeln. Ich hatte das große Glück mit Gruppen aus Bayern, Hessen und meinem Bundesland Sachsen eine individuelle Gruppe zu gründen, die sich gegenseitig zu Premieren besuchen und unterstützen, zum Beispiel in Hinblick auf die Nutzung von Technik, Kostümen oder Requisiten.

Foto: Nadine Scherer

Du bist seit vielen Jahren Mitglied des Bundesarbeitskreises Kinder- und Jugendtheater. Was bedeutet Dir diese Aufgabe?

Sehr viel. Für mich war es ein besonderes Erlebnis, als ich angefragt wurde im Bundesarbeitskreis Kinder- & Jugendtheater mitzuarbeiten. Ich, der kleine Theaterpädagoge aus der erzgebirgischen Provinz. Es war und ist mir noch immer eine Ehre in diesem Gremium mitzuarbeiten, Ideen und Formate rund um die MuPliSchu zu entwickeln. Ich hatte in all den Jahren die Möglichkeit, auf verschiedenen Veranstaltungen Workshops zu leiten oder an Fachtagungen teilzunehmen. Ich freue mich aber auch, dass sich dieser Arbeitskreis inzwischen verjüngt und junge, kreative Köpfe das Zepter übernehmen, so dass ich mich über kurz oder lang zurückziehen kann.

Das BDAT-Schwerpunktthema 2026 lautet „Mit Passion und Vision in die Zukunft: Wir inszenieren das Morgen“. Welche Rolle spielt die MuPliSchu für das Morgen?

Wir erleben gerade eine Zeit, in der sich unsere Gesellschaft verändert. Viele junge Menschen machen sich Gedanken über ihre Zukunft. Wir als Bundesarbeitskreis verstehen Demokratie als Haltung, die gelebt werden muss. Deshalb wünschen wir uns, dass die Teilnehmer*innen Erfahrungen aus Wetzlar mit in ihre Heimatgruppen nehmen – nicht als Vorgabe, sondern als Anregung. Theater kann Fragen stellen, Perspektiven öffnen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen.

Wir erleben, dass Fördermittel für Kulturprojekte und theaterpädagogische Arbeit vielerorts gekürzt werden. Gleichzeitig wächst der Bedarf nach Orten, an denen junge Menschen Gemeinschaft erleben, sich ausprobieren und Verantwortung übernehmen können. Veranstaltungen wie die MuPliSchu, das Deutsche Kinder-Theater-Fest oder amarena schaffen genau solche Räume. Sie fördern nicht nur künstlerische Fähigkeiten, sondern auch demokratisches Denken, Offenheit und gegenseitigen Respekt. Junge Menschen kommen miteinander ins Gespräch – manchmal auch kontrovers. Genau das gehört dazu und genau das braucht es! Das kann Theater leisten – und deshalb ist es so wichtig, diese Begegnungen auch in Zukunft zu ermöglichen.

Wenn Du an die nächsten 50 Jahre denkst – welche Vision hast Du für die MuPliSchu?

Ich wünsche mir, dass sie neugierig bleibt. Dass sie weiterhin jungen Menschen Mut macht, ihren eigenen Theaterweg zu gehen, sich auszuprobieren und sich nicht verbiegen zu lassen. In all den Jahren habe ich erlebt, wie aus Spieler*innen Spielleiter*innen, Vereinsvorstände oder Theaterpädagog*innen geworden sind. Wenn wir mit der MuPliSchu einen kleinen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten können, haben wir schon viel erreicht. Und ich wünsche mir, dass kulturelle Bildung wieder den Stellenwert bekommt, den sie verdient und sie unseren politischen Entscheidungsträger*innen wieder wichtiger wird als Selbstgefälligkeit.