Kippen mit Menschen, Puppen und im Beieinander
Im September 2025 wurde der 49. Fritz-Wortelmann-Preis für Figurentheater in den Kammerspielen des Schauspielhaus Bochum verliehen. In der Kategorie „Erwachsene Amateure“ gewannen unter anderem Lara Reimer, Johanna Renard und Jan Speiser aus Rostock mit ihrer Performance „10m – kein zurück“ den mit 4.000 Euro dotierten Preis. In der Begründung der Jury heißt es:
„Aus einem vom Publikum beschriebenen Stück Papier entstand eine scheinbar lebendige Figur, die ihre Angst vor einem Sprung aus der Höhe überwand. Sowohl die Animation als auch der Einsatz der Papierfigur überzeugte: nach ihrem Sprung äußerte die Puppe ihre Überlegungen zur Polarisierung der Gesellschaft. Mit klugen dramaturgischen Setzungen schaffte es das Team, das Thema [Kippen] von einer intimen persönlichen Ebene hin zur Offenlegung gesellschaftlich relevanter Kipppunkte zu führen. Die drei Performer:innen zeigten Theater als einen Ort, an dem mit szenischer Forschung mögliche Antworten auf die unbeantwortbaren Fragen gefunden werden.“
Das hat uns neugierig gemacht. Wir freuen uns, dass die Gruppe sich bereit erklärt hat, uns hier noch ein bisschen mehr zu ihrem Stück vor dem Hintergrund unseres Schwerpunktthemas „Geselligkeit“ zu erzählen. Wir gratulieren zu dem tollen Erfolg!
Es ist 23:32 Uhr. Wir befinden uns mittlerweile seit 14 Stunden und 32 Minuten ununterbrochen in diesem kleinen Zelt. Die Zeit ist geprägt von einem stündlichen Weckerklingeln, einem stündlichen „Update“, das wir mit Blick in eine Videokamera sprechen und vor allem von ausreichend Essen. Wir, Jojo, Lara und Jan, machen ein Selbstexperiment: Wie gesellig ist es zu dritt für 24 Stunden in einem Zelt? Wann kommt der Moment, in dem die Stimmung von einer guten Zeit mit Freund*innen zu genervtem Aufeinanderhocken kippt?
Wir sind weder Wissenschaftler*innen (was bei der Methode auch fragwürdig wäre) noch Camping-Liebhabende. Nein, wir wollen nur Theater machen. Unser Thema? Kipppunkte. Gesellschaftliche, klimatische und soziale. Wann kippt die Stimmung bei Stammtischdiskussionen? Aber eben auch bei Freundschaften? Um diesen Fragen nachzugehen, sitzen wir im Zelt und fahren puppenspielend morgens um 6:30 Uhr auf einer Fähre im Pendler*innenverkehr und verteilen kostenloses Frühstück: Wir wollen auf der Bühne echte Kipppunkte zeigen – und nicht nur zeigen, sondern auch erlebbar machen.
Die Menschen, die uns zusehen, sollen in aktiver Rolle miteinander kippen. Wir bauen dafür eine Dramaturgie vom Realen ins Abstrakte: Wir lassen das Zelt, was gerade noch als Leinwand für unsere Zeltvideos diente, schwebend auf einen Taucher treffen, kippen mit einer vom Publikum beschriebenen Papierpuppe vom Toten ins Lebendige – nur um sie am Ende gezielt zu zerstören. All die Kipppunkte, die wir an diesem Abend gemeinsam mit dem Publikum erleben, fangen wir in einem Reflexionsformat auf, welches über den Abend hinauswirkt: Das Publikum darf Handlungsanweisungen ziehen, um Situationen im Alltag (ins Positive) kippen zu lassen: singen, tanzen oder schöne Unterhaltungen.
Unsere in der Entwicklung sehr dem Lustprinzip folgende Inszenierung wurde für uns zum geselligen Miteinander: Der Aufführungsraum in einem alten Bunker, die (hoffentlich unaufdringliche) Interaktion mit dem Publikum und der Anspruch Theater nicht für, sondern mit dem Publikum zu machen, führt zu einer Verbundenheit während der Aufführung, die unserem Theater guttut. Am Ende reflektieren wir die Zeit im Zelt: Kipppunkte? Eher wenige. Zum Glück sind wir ja nicht allein.