Als wir im August 1985 unsere Theatergruppe gründeten, ahnte niemand, welchen Weg sie einmal nehmen würde. Zunächst trugen wir den Namen „Laienspielschar der Sängervereinigung Windecken e. V.“. Unsere Kulissen hatten noch keine Türen, sondern nur Vorhänge, und auf der Bühne standen spielfreudige Menschen zwischen 15 und 55 Jahren. Von Beginn an lebte unser Theater vom Miteinander. Als Sprecherin der Gruppe gehörte ich dem erweiterten Vorstand an und übernahm früh Verantwortung.
Diese Verantwortung wurde bereits kurz nach unserer ersten Premiere 1985 auf eine harte Probe gestellt. Nach der zweiten Leseprobe verschwand der Regisseur des neuen Stücks „Keine Leiche ohne Lilli“ spurlos. Zurück blieb eine Gruppe, ein Stück ohne Leitung – und die Frage, ob es überhaupt weitergehen würde. Ich spielte die Lilli, doch plötzlich stand das gesamte Projekt infrage. Der Vorstand der Sängervereinigung wollte das Laientheater beenden. Für mich war das keine Option. Ich übernahm die Regie und spielte weiterhin selbst. Dieser Tiefpunkt war zugleich ein wichtiger Wendepunkt, denn hier zeigte sich schon, was die Nidder-Bühne ausmacht: Zusammenhalt und Verantwortungsgefühl.
Aus dieser Erfahrung heraus wuchs die Gruppe weiter zusammen. Schon bald entwickelte sich aus dem anfänglichen Zusammenschluss mehr als nur ein Ensemble. 1987 wurde aus dem langen Namen die Nidder-Bühne, und 1988 traten wir dem BDAT bei. Fortbildungen gehörten fortan ebenso dazu wie der Austausch mit anderen Bühnen. Ebenfalls 1988 wirkten wir an der 750-Jahr-Feier der Stadt Windecken mit. In historischem Kostüm durfte ich hoch zu Pferd zum Marktplatz reiten und dort als Junker Gottfried von Waldersdorf die Stadtrechte verlesen. Im selben Jahr veranstalteten wir eine Sommertournee durch den Spessart in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Gelnhausen. Wir spielten Freilichtaufführungen von Dorf zu Dorf. Vor jeder Vorstellung liefen wir in Kostümen durch die Straßen, riefen mit Megaphon und Glocke zum Besuch unserer kostenlosen Auftritte auf. Die Besucher kamen mit Traktoren und saßen auf Wagen. Das Publikum war begeistert. Gespielt wurden zwei Einakter von Tschechow: „Der Bär“ und „Das Bankjubiläum“. Diese Tournee steht für mich bis heute für die Nähe zwischen Bühne und Publikum, die uns auszeichnet.
Die wachsende Erfahrung machte sich auch bei größeren Auftritten bemerkbar. 1991 nahmen wir erstmals an einem Hessentag teil, und zwar in Lorsch. Insgesamt traten wir bei acht Hessentagen auf. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Auftritt in Gelnhausen, als ein Wolkenbruch die Besucher in die Halle trieb, in der wir spielten. In Erbach zeichnete der Hessische Rundfunk einen Live-Mitschnitt auf – ein Moment, auf den wir immer noch stolz zurückblicken. Diese Offenheit nach außen führte uns 1994 erstmals in unsere Partnerstadt Gehren in Thüringen, die sich bis 2017 – also über 23 Jahre – zu einem festen Spielort entwickelte. Nicht jede Geschichte auf diesem Weg war groß oder spektakulär. Als wir im Jahr 2000 das Stück „Wohin mit der Leiche?“ spielten und ich die Plakate in den Aufzügen eines Altenheims aufhängte, führte dies zu einer empörten Beschwerde. Wir nahmen es mit Humor und entfernten die Plakate natürlich wieder. Auch solche Begebenheiten gehören zu unserem Theateralltag. Parallel dazu entwickelten wir uns künstlerisch weiter. Im Frühjahr 2004 führten wir erstmals ein Stück auf, das aus den eigenen Federn zweier Mitglieder stammte: „Die Raumpflegerpatrouille“.
2008 kam es zu einem großen Einschnitt für den Verein ebenso wie für mich persönlich: Die Theatergruppe machte sich selbständig, wir gehörten fortan nicht mehr zur Sängervereinigung. Passend dazu spielten wir in diesem Jahr „Alles nur Theater!“. Seitdem bin ich erste Vorsitzende und trage diese Verantwortung bis heute. Im Laufe der Jahre wurde meine Arbeit mehrfach gewürdigt. 2001 erhielt ich durch die Heimatfreunde Windecken überraschend den Heimatpreis für meine kulturelle Arbeit in Nidderau. 2004 wurde mir in unserer Partnerstadt Gehren vor der Aufführung von „Baby wider Willen“ – in meiner Rolle als Penner mit Vollbart – die Ehrenmedaille der Stadt Gehren überreicht. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch den Spitznamen, den man mir dort gegeben hatte: die hessische Heidi Kabel. 2011 folgte mit dem Kulturpreis der Stadt Nidderau eine weitere besondere Anerkennung.
2010 haben wir 25 Jahre Nidder-Bühne mit einer akademischen Feier, Ehrungen durch den Landesverband und dem Stück „Drei Tanten für Charly“ gefeiert. Besonders gut erinnere ich mich an die Vorbereitungen des Stücks, etwa den gemeinsamen Einkauf von High Heels und BHs für die männlichen Darsteller, die Frauenrollen spielten. Ein weiterer Höhepunkt folgte 2013. Zu diesem Zeitpunkt hatte unsere Theatergruppe 15 aktive Mitglieder, wurde jedoch angefragt, den Hexenprozess aufzuführen, für den 60 Mitwirkende benötigt wurden. Mit Unterstützung der Presse und der Ortsvereine gelang es tatsächlich, genügend Beteiligte zu gewinnen. Die damalige zweite Vorsitzende Simone Patter schrieb das Manuskript passend um. Die zwei Freilichtaufführungen auf dem Marktplatz in Windecken fanden vor über 1.500 Zuschauern statt. Sie machten sichtbar, was möglich ist, wenn viele gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
Heute, 40 Jahre nach der Gründung, hat selbst die Corona-Pandemie unsere Theatergemeinschaft nicht zerstören können. Darauf bin ich besonders stolz, denn die Nidder-Bühne ist mein Leben. Dass diese Geschichte weitergeht, zeigt die Gründung unserer Kinder- und Jugendgruppe im Jahr 2019. Mit zunächst zwölf begeisterten Kindern im Alter von neun bis fünfzehn Jahren entstand eine neue Generation. Trotz der pandemiebedingten Einschränkungen wurde die Gruppe auch online weitergeführt – mit dem Erfolg, dass es die „Nidderstars“, wie sie sich nennen, bis heute gibt. Was 1985 mit Vorhängen statt Türen begann, lebt weiter.