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Schloss­de­bat­ten und Thea­ter in der Tief­ga­ra­ge – AddA-Treffen in Thun/Schweiz

AddA_Delegation_2018

Foto© Kat­rin Kel­ler­mann

Berlin, 28.11.2018 //

Zwi­schen Schloss und Tief­ga­ra­ge – alles nur Thea­ter? Ein kla­res Nein, denn viel mehr als nur Thea­ter stand beim Jah­res­tref­fen der Arbeits­ge­mein­schaft der deutsch­spra­chi­gen Ama­teur­thea­ter­ver­bän­de (AddA) im Fokus. Nach Thun, ins Ber­ner Ober­land, mit Blick auf den Fluss Aare und die Alpen, hatte der Zen­tral­ver­band Schwei­zer Volks­thea­ter ein­ge­la­den. Vom 23.-25. Novem­ber 2018 tag­ten 18 Dele­gier­te der Mit­glieds­ver­bän­de: Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Spiel & Thea­ter (BAG), Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter (BDAT), Öster­rei­chi­scher Bun­des­ver­band für außer­be­ruf­li­ches Thea­ter (ÖBV), Süd­ti­ro­ler Thea­ter­ver­band (STV) und Zen­tral­ver­band Schwei­zer Volks­thea­ter (ZSV). Im Thu­n­er Schloss begrüß­te der Zen­tral­prä­si­dent des ZSV Ruedi Widtmann die Gäste zum Fach­aus­tau­sch sowie zur Pla­nung und Dis­kus­si­on gemein­sa­mer Pro­jek­te.

Die Teil­neh­men­den infor­mier­ten sich über ihre Arbeits­schwer­punk­te und Akti­vi­tä­ten in den jewei­li­gen Län­dern. So wur­den u. a. ver­schie­de­ne Fes­ti­val­for­ma­te, ziel­grup­pen­ori­en­tier­te Struk­tu­ren und neue Fes­ti­va­l­ide­en vor­ge­stellt. Auch die Frage, ob die AddA vor dem Hin­ter­grund ihrer Spra­chen­viel­falt ein eige­nes Fes­ti­val auf den Weg brin­gen soll­te, wurde debat­tiert. Auf Initia­ti­ve des ÖBV soll ein inno­va­ti­ves Fes­ti­val­kon­zept ent­wi­ckelt wer­den, über das die AddA beim kom­men­den Tref­fen 2019 ent­schei­det.

Den Pla­nungs­stand für die drit­te Auf­la­ge des gemein­sa­men AddA-Projekts „Baby­lon 4“  stell­te die BAG Spiel & Thea­ter vor. Baby­lon 4 ist eine Platt­form von und für Jugend­li­che, die Lust haben an der künst­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Spra­che im inter­na­tio­na­len Kon­text. Erst­mals wer­den auch Teil­neh­men­de aus einem Gast­land (Bel­gi­en) ein­ge­la­den. Das nächs­te Baby­lon 4 fin­det statt vom 3. bis 11. August 2019 in Vlo­t­ho / Nordrhein-Westfalen, die Aus­schrei­bung erfolgt im Früh­jahr.

Als fest eta­blier­tes AddA-Projekt wurde der Inter­kurs in sei­ner Bedeu­tung her­vor­ge­ho­ben und die brei­te Wir­kung auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, in den Län­dern, aber auch auf inter­na­tio­na­ler Platt­form her­aus­ge­stellt. Das „train-the-trainer-Konzept“ läuft seit 1996 sehr erfolg­reich im 4-Jahres-Zyklus und die Teil­neh­men­den ver­mit­teln ihre Kennt­nis­se als Workshop-Referenten natio­nal und inter­na­tio­nal wei­ter. Infos zum Inter­kurs: https://interkurs.weebly.com/

Ein wei­te­res Thema waren aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen für die Ver­bän­de auf­grund poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen, bspw. in Hin­bli­ck auf zuneh­mend rech­te Akti­vi­tä­ten und Aktio­nen in der Kul­tur. Die Erfah­run­gen, Beob­ach­tun­gen und die Frage dana­ch, wel­cher Hand­lungs­be­darf sich dar­aus für die Dach­ver­bän­de ergibt, wur­den von den Län­dern unter­schied­li­ch bewer­tet und ein­ge­schätzt. Die Frage der His­to­rie, der Defi­ni­ti­on oder Ein­ord­nung des Begrif­fes „Volks­thea­ter“ bzw. seine Abgren­zung bleibt auch vor die­sem Hin­ter­grund eine span­nen­de Fra­ge­stel­lung für die Adda-Verbände. In sei­nem Impuls­re­fe­rat zum Volks­thea­ter gab Prof. Dr. Andre­as Kotte, Lei­ter des Thea­ter­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tuts Bern, einen Ein­bli­ck in die Struk­tur der Schwei­zer Thea­ter­land­schaft, die schon auf­grund ihrer Vier­spra­chig­keit (Deut­sch, Fran­zö­si­sch, Ita­lie­ni­sch, Räto­ro­ma­ni­sch) spe­zi­el­le Kom­po­nen­ten auf­weist. Bezug­neh­mend auf Unter­su­chun­gen zum Ama­teur­thea­ter, die Andre­as Kotte als Her­aus­ge­ber (mit Frank Gerber/Beate Schap­pach) in sei­ner Publi­ka­ti­on „Bühne und Büro“ 2012 ver­öf­fent­lich­te, ist allein die hohe Dich­te des Ama­teur­thea­ters in der „klei­nen“ Schweiz (aktu­ell rd. 8,5 Mio. Einwohner*innen) beein­dru­ckend. Neben den rund 850 Thea­ter­grup­pen, die im ZSV orga­ni­siert sind und ca. 1,2 Mio. Zuschau­en­de errei­chen, wurde fest­ge­stellt, dass bis zu 850 wei­te­re Thea­ter­grup­pen aktiv sind, die (noch) nicht im Dach­ver­band orga­ni­siert sind. Der Begriff des Volks­thea­ters wird nach Kot­tes Auf­fas­sung in der Schweiz all­ge­mein nicht nega­tiv besetzt, aller­dings ist  in den Grup­pen, die in dem Bereich aktiv sind, eine dif­fe­ren­zier­te­re Sicht­wei­se fest­zu­stel­len. Kotte benann­te abschlie­ßend auch die Her­aus­for­de­run­gen für die Zukunft des Ama­teur­thea­ters, dar­un­ter die Nach­wuchs­fra­ge in den Vor­stän­den sowie die Kon­kur­renz zu immer mehr kom­mer­zi­el­len Event-Theater-Angeboten.

Ein Thea­ter­be­su­ch an beson­de­rem Ort, mit Cam­ping­at­mo­sphä­re im Novem­ber, ergänz­te das AddA-Programm. In einer vor­über­ge­hend zweck­ent­frem­de­ten Tief­ga­ra­ge neben gut gefüll­ter Rinder-Auktionshalle spiel­te das „thea­ter schö­n­au thun“ die Episoden-Komödie „Zwü­sche­haut uf em Cam­ping­platz“. Bei einer his­to­ri­schen Stadt­füh­rung mit ver­schie­de­nen kuli­na­ri­schen „Hal­te­stel­len“ wurde zudem die Viel­falt und ästhe­ti­sche Kunst der Schwei­zer Küche ein­drucks­voll ver­mit­telt.

Beson­de­ren Dank spra­chen die Teil­neh­men­den den Gast­ge­bern des ZSV und Han­nes Zaugg für die her­vor­ra­gen­de Orga­ni­sa­ti­on der Tagung aus. Mit einem herz­li­chen Dan­ke­schön ver­ab­schie­de­ten die AddA-Delegierten Chris­ta Obi, die nach 20 Jah­ren als Geschäfts­füh­re­rin des ZSV im kom­men­den Jahr in den Ruhe­stand geht.

Das nächs­te AddA-Treffen ver­an­stal­tet die BAG Spiel & Thea­ter vom 15. bis 17. Novem­ber 2019 in Des­sau / D.