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Kers­tin Plewa-Brodam – Ein Nach­ruf

Foto von Kerstin Plewa-Brodam

Immer in Akti­on für ihre Lebens­pas­si­on: hier als Preis­trä­ge­rin der amarena-Innovationsförderung 2013 beim Podi­ums­ge­spräch / amarena-Festival in Ransbach-Baumbach 2014.

Der plötz­li­che Tod am 9. Janu­ar 2020 von Kers­tin Plewa-Brodam, lang­jäh­ri­ge stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de und künst­le­ri­sche Lei­te­rin der Studio-Bühne Essen, hat viele Men­schen zutiefst getrof­fen. Das Prä­si­di­um und die Geschäfts­stel­le des BDAT arbei­te­ten über Jahr­zehn­te mit Kers­tin bei zahl­rei­chen Thea­ter­pro­jek­ten und Ver­an­stal­tun­gen zusam­men. Berührt und trau­rig, vor allem aber dank­bar, erin­nern wir uns.

Gedan­ken

Kers­tin war Künst­le­rin und Mensch, Kol­le­gin und Freun­din zugleich. Das Thea­ter war Aus­druck und Abdruck ihrer Seele, Ort ihres Füh­lens und Den­kens und ihres Ver­ständ­nis­ses von der Welt und den Men­schen.
Kers­tin war Schau­spie­le­rin, Regis­seu­rin und Kul­tur­ma­na­ge­rin. Sie hat es ver­stan­den, ihre zahl­rei­chen Talen­te zu nut­zen zum Wohle ihres Thea­ters und der Men­schen, für die die Studio-Bühne in Essen Heimat- und See­len­ort ist.
Wir sind uns begeg­net bei den Thea­ter­ta­gen Euro­päi­scher Kul­tu­ren in Pader­born, auf dem Welt­thea­ter­tref­fen in Mona­co und vie­ler­orts in Deutsch­land, vor allem aber im wun­der­schö­nen Haus der Studio-Bühne Essen, das erst im ver­gan­ge­nen Früh­jahr nach einer län­ge­ren Reno­vie­rungs­pha­se wie­der eröff­net wurde, kurz nach­dem der Vater Sieg­fried Plewa ver­stor­ben ist.
Kers­tin hat mit ihrem Team ange­packt und neue groß­ar­ti­ge Insze­nie­run­gen auf die Beine gestellt. Sie hat das Haus pro­fes­sio­nell geführt und trotz der erheb­li­chen Belas­tung auch noch auf ver­band­li­cher Ebene Auf­ga­ben über­nom­men.
Aus der Viel­zahl der gemein­sa­men Begeg­nun­gen und Pro­jek­te ist mir die Tour­nee des PIANO-Ensembles im Rah­men „Kul­tur­haupt­stadt 2020“ in beson­de­rer Erin­ne­rung. Kers­tin hat die Tour­nee mit gehör­lo­sen Kin­dern der rus­si­schen Thea­ter­grup­pe PIANO in Essen im Ruhr­ge­biet orga­ni­siert und damit nicht nur der part­ner­schaft­li­chen Städ­te­ver­bin­dung zwi­schen Nisch­ni Now­go­rod und Essen einen gro­ßen Dienst erwie­sen, son­dern auch der Freund­schaft zwi­schen den natio­na­len Ama­teur­thea­ter­ver­bän­den in Russ­land und Deutsch­land.
Kers­tin hat immer zuge­grif­fen, wo es not­wen­dig war, und dabei gelä­chelt – ein Lächeln, das wir nie ver­ges­sen wer­den.

Norbert Radermacher, Ehrenpräsident Bund Deutscher Amateurtheater

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Kers­tin bei der Wie­der­eröff­nung der Studio-Bühne Essen im Febru­ar 2019 mit BDAT-Präsident Simon Isser (mi) und dem Vor­sit­zen­den der Studio-Bühne Micha­el Stein­horst. // Foto Frank Vin­ken

Ich habe Kers­tin das erste Mal bewusst ken­nen gelernt, als die Studio-Bühne Essen mit „Noah und der große Regen“ auf den inter­na­tio­na­len Thea­ter­ta­gen in Hanau gas­tier­te. Das war noch lange vor mei­ner Zeit in offi­zi­el­len BDAT-Funktionen. Kers­tin begeis­ter­te mit ihrem natür­li­chen Spiel und der völ­li­gen Hin­ga­be an ihre Rolle. Gemein­sam mit ihrem Büh­nen­part­ner ret­te­ten sie als Herr und Frau Noah eine ganze Horde Plüsch­tie­re vor dem Unter­gang auf ihre selbst gebau­te Arche. Die Kin­der im Publi­kum dank­ten es ihnen von Her­zen. Die Hin­ga­be ihrer Rolle zur Ret­tung der Tiere kann sinn­bild­lich ste­hen für Kers­tins Hin­ga­be zum Ama­teur­thea­ter. Danach begeg­ne­ten wir uns immer wie­der auf Fes­ti­vals und zuneh­mend auch im Kon­text mei­nes zwi­schen­zeit­lich ange­tre­te­nen Ehren­am­tes im BDAT. Auch wenn sie selbst mal nicht per­sön­lich dabei war, in Anek­do­ten, Erzäh­lun­gen und Berich­ten von Thea­ter­ma­che­rin­nen und Thea­ter­ma­chern kam irgend­wann doch stets ihr Name vor. Zuletzt erleb­te ich Kers­tin vol­ler Freu­de und Stolz mit ihren Mit­strei­tern bei der Wie­der­eröff­nung „ihrer“ Studio-Bühne. Nach wie vor beein­dru­ckend, was sie hier­für geleis­tet hat. Bei­spiel­ge­bend, wie sie sich für das Ama­teur­thea­ter in Deutsch­land enga­giert hat. Für mich war sie „das Herz von Essen“, das lei­der viel zu früh zu schla­gen auf­ge­hört hat. Doch ihre Lei­den­schaft und Hin­ga­be für das Ama­teur­thea­ter, wer­den mich noch lange inspi­rie­ren…

Simon Isser, Präsident Bund Deutscher Ama­teur­thea­ter

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Es ist wie eine alte Theater-Seelen-Verwandtschaft. Wir stam­men aus der­sel­ben Thea­ter­ge­nera­ti­on – eigent­lich ver­schie­de­nen und doch so glei­chen Thea­ter­wel­ten – uns ver­ste­hend, schät­zend, inspi­rie­rend, gemein­sa­me Ereig­nis­se und Erleb­nis­se genie­ßend.
Ein wun­der­bar anrüh­ren­des Erleb­nis war für mich ihr Gast­spiel im ver­gan­ge­nen Som­mer am Thea­ter Rudol­stadt mit dem Kin­der­thea­ter­stück „Die Kar­tof­fel­sup­pe“. Es ist nicht beschreib­bar, wie sie fas­zi­nie­rend für alle Sinne mit so vie­len Facet­ten eine Geschich­te gespielt und das junge Publi­kum mit ein­be­zo­gen hat, dass es mir einen Hoch­ge­nuss berei­te­te.
Wir haben Kers­tin im Dezem­ber ange­fragt, ob sie den Jury-Vorsitz zum Deut­schen Ama­teur­thea­ter­preis 2020 über­neh­men möch­te. Zu Beginn die­ses Jah­res hat sie mir gesagt, dass sie sich sehr über die Anfra­ge freut und diese „ehren­vol­le Auf­ga­be im Sinne des BDAT wahr­neh­men“ wird …
Kers­tin war eine krea­ti­ve Idea­lis­tin, Schöp­fe­rin, Auf­baue­rin, Ver­bin­de­rin, Meis­te­rin: davon beses­sen, sich sel­ber, die ande­ren, die Welt ein­fach bes­ser machen zu wol­len. Sie hat einen wich­ti­gen Teil für uns geschafft, der uns wei­ter­trei­ben soll und wird.

Frank Grünert
Vizepräsident Bund Deutscher Amateurtheater und Vorsitzender Thüringer Theaterverband

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Wer Kers­tin Plewa-Brodam ein­mal getrof­fen hatte, konn­te sich nicht vor­stel­len, dass sie schläft. Als ich 2009, frisch beim BDAT, die Studio-Bühne und die damit unzer­trenn­lich ver­bun­de­ne Fami­lie Plewa erst­mals in Essen besuch­te, ging es um vie­les: das deutsch-russische TWINS-Projekt „Pia­nis­si­mo“ im Rah­men der Kul­tur­haupt­stadt Essen 2010 (Koope­ra­ti­on von Dach­ver­band BDAT und Studio-Bühne), die (noch zu ver­han­deln­de) KSK-Ausgleichsvereinigung, die Ent­wick­lung des Ama­teur­thea­ters auch in Nordrhein-Westfalen, die künst­le­ri­sche Geschich­te der Studio-Bühne und des alten Schul­ge­bäu­des, des­sen not­wen­di­ge Sanie­rung, inter­na­tio­na­le Fes­ti­vals und Begeg­nun­gen sowie Stadtteil-Theaterarbeit  in Essen-Kray, die vie­len Men­schen, die Theater-Heimat und ein­la­den­den Begeg­nungs­raum auf der Korum­hö­he fin­den.
Im damals noch alten „Wohnzimmer-Foyer“ bei Früh­stück und Pro­jekt­be­spre­chung habe ich nicht nur viel von ihrer Thea­ter­ar­beit erfah­ren, son­dern auch Kers­tin erlebt als einen Men­schen von gran­dio­ser Herz­lich­keit, über­bor­den­der Tat­kraft, kri­ti­schem Geist und einem von ech­ter Neu­gier auf das Gegen­über gepräg­tem inten­si­vem Gesprächs­in­ter­es­se. Nicht zu ver­ges­sen, dass sie ihr Thea­ter­en­ga­ge­ment, das mehr als eine Stel­le aus­füll­te, neben ihrem „Brot­be­ruf“ leis­te­te.
„Das Herz von Essen“ ist der Titel einer Studio-Bühnen-Produktion und meint doch Kers­tin. Ihr Herz steht nun still. Jetzt schläft sie für immer. So vie­les hatte sie mit ihrem Team erreicht (z. B. die Wie­der­eröff­nung der Bühne 2019 nach dem Kraft­akt der Reno­vie­rung und Betrieb an Ersatz­spiel­stät­ten), so vie­les woll­te sie noch. Wie scha­de, dass sie den Jury­vor­sitz von amarena 2020, den sie vor kur­zem ange­nom­men hatte und sich auf diese Auf­ga­be sehr freu­te, nun nicht mehr aus­füh­ren kann. Ich frage mich aber, ob sie an dem ande­ren Ort, an dem sie jetzt sein mag, als stil­le Beob­ach­te­rin mit „Herz und Schnau­ze“ beglei­tet, woran „ihre“ Studio-Bühne und das Ama­teur­thea­ter wei­ter krea­tiv arbei­ten.

Irene Ostertag, Geschäftsführerin Bund Deutscher Amateurtheater

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Zu Gast im Bun­des­kanz­ler­amt bei Kul­tur­st­aas­t­mi­nis­ter Bernd Neu­mann. // Foto Kat­rin Kel­ler­mann

In mei­ner rund 20-jährigen Tätig­keit für den BDAT bin ich Kers­tin als Ver­tre­te­rin der Studio-Bühne Essen bei ver­schie­dens­ten Anläs­sen begeg­net. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve hat sie es auf ein­zig­ar­ti­ge Weise ver­stan­den, Thea­ter­kunst und Gesell­schaft zusam­men zu den­ken. Ihr Enga­ge­ment für Demo­kra­tie und gegen Frem­den­feind­lich­keit, ihr Blick auf das Gesam­te, ihre Hilfs­be­reit­schaft blei­ben unver­gess­lich. Über ihr loka­les und regio­na­les Wir­ken hin­aus hat sie sich immer auch bun­des­weit für das Ama­teur­thea­ter stark gemacht. Deut­lich wurde das u. a. 2013 bei einem Emp­fang von Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Neu­mann für rund 50 Vertreter*innen aus der bun­des­deut­schen Ama­teur­thea­ter­sze­ne. Auf der höchs­ten Ter­ras­se des Bun­des­kanz­ler­am­tes ließ sie den Fun­ken „für die gemein­sa­me Sache“ ganz selbst­ver­ständ­lich auf den Kul­tur­staats­mi­nis­ter über­sprin­gen. Mit ihrem Mut gegen Wider­stän­de und ihrer Schaf­fens­kraft war Kers­tin für viele Wegbegleiter*innen Vor­bild und Moti­va­to­rin zugleich, so auch für mich.

Katrin Kellermann, Öffentlichkeitsreferentin Bund Deutscher Amateurtheater

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Es war im Som­mer 2013. Auf Schloss Gens­ha­gen bei Berlin orga­ni­sier­te die Platt­form „Dar­stel­len­de Küns­te“ erst­ma­lig eine große Kon­fe­renz von Vertreter*innen der Thea­ter­ver­bän­de, Expert*innen und Akteur*innen aller Spar­ten. Kers­tin hat­ten wir als „unse­re“ Exper­tin ein­ge­la­den. Unser Podi­ums­ge­spräch hat­ten wir nur kurz abge­spro­chen;
mit Kers­tin konn­te man das machen. Es lief wun­der­bar. Ich stell­te meine erste Frage (zu viel mehr kam ich nicht) und Kers­tin legte los. Wer jetzt nicht begriff, was Ama­teur­thea­ter im Gro­ßen und im Klei­nen ist, was es bedeu­tet und bewirkt, der woll­te oder konn­te es nicht. Danach ging es ver­teilt auf das Schloss in klei­ne­ren Dis­kus­si­ons­run­den wei­ter. Kers­tin saß an einem Tisch mode­riert von Miri­am Tscholl. Sie hatte gera­de mit ihrem Dres­de­ner Bürgerbühnen-Modell bun­des­weit für Auf­se­hen gesorgt und ließ sich nicht ohne Atti­tu­de als Exper­tin des neuen Lai­en­thea­ters fei­ern. Als ich ein wenig spä­ter dazu kam, war Miri­am Tscholl die Mode­ra­ti­on längst ent­glit­ten. Sie hatte nicht mit Kers­tins offe­ner Kri­tik gerech­net. Mit schar­fen Argu­men­ten demon­tier­te sie den Elfen­bein­turm der Thea­ter­ret­te­rin. Immer mehr Teilnehmer*innen kamen und woll­ten teil­ha­ben. Diese Dis­kus­si­ons­run­de wurde zum Hot­spot des Nach­mit­tags. Herr­lich! Argu­men­ta­tiv mit dem Rücken zur Wand, gab sich Frau Tscholl für den Moment nach­denk­lich, woll­te Fehl­ein­schät­zun­gen kor­ri­gie­ren und ver­sprach Koope­ra­ti­ons­wil­len. Mit ihrer klu­gen Beharr­lich­keit hat Kers­tin die Tür zum Dia­log für den Augen­blick eines Nach­mit­tags geöff­net. Mit Kers­tins Tod ver­liert das Ama­teur­thea­ter viel zu viel Herz­blut und eine wich­ti­ge Stim­me. Du fehlst!

Stephan Schnell, Referent für Bildung und Internationales Bund Deutscher Amateurtheater