Archiv

Das Archiv

Archiv­ar­beit

Privat-Bühne 1893

ÜBER DAS ARCHIV

Im Archiv des Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter e. V. (BDAT) wer­den Doku­men­te und Mate­ria­li­en zu der über 125jährigen Geschich­te des orga­ni­sier­ten deut­schen Ama­teur­thea­ters gesam­melt, die seit 2014 auch archi­visch erschlos­sen wer­den: Gegen­wär­tig sind es an die 900 Archiv­ver­pa­ckun­gen mit über 200.000 Blatt Unter­la­gen und man­cher­lei gegen­ständ­li­chen Archi­va­li­en. Die Erfas­sung in einer Daten­bank ist bis­lang noch nicht erfolgt. Zur Recher­che des Bestan­des ste­hen Find­bü­cher zur Ver­fü­gung.

BDAT-Archiv
Doku­men­te zu der Geschich­te des Bun­des seit sei­ner Grün­dung als „Ver­band der Privat-Theater-Vereine Deutsch­lands, Sitz: Berlin“ im Jahre 1892.

Samm­lung Hans-Günter Nagel
Die nach­ge­las­se­ne eige­ne Samm­lung des Ver­bands­chro­nis­ten Hans-Günter Nagel mit ihrem Schwer­punkt auf der His­to­rie des Dilet­tan­ten­thea­ters in Berlin vor 1892.

Norbert Radermacher-Archiv
Unter­la­gen aus dem per­sön­li­chen Archiv des ehe­ma­li­gen Verbands- und heu­ti­gen Ehren-präsidenten Norbert Rader­ma­cher zu der Geschich­te des Welt-Kindertheater-Festes in Lin­gen (Ems) von 1990 bis 2010.

Foto­ar­chiv
Annä­hernd 10.000 vor allem ana­lo­ge Auf­nah­men zu Ereig­nis­sen des natio­na­len und inter-nationalen Ama­teur­thea­ters, die z. T. aus den Nach­läs­sen ver­schie­de­ner Verbandspersön-lichkeiten stam­men.

Zeit­schrif­ten­ar­chiv
Die his­to­ri­schen Ver­bands­pe­ri­odi­ka Privat-Bühne, Das Volksbühnenspiel, Volksspielkunst und Volks-Bühnen-Warte, die der­zei­ti­ge Ver­bands­zeit­schrift Spiel & Bühne und wei­te­re Titel des natio­na­len und inter­na­tio­na­len Ama­teur­thea­ter­ge­sche­hens sowie zum pro­fes­sio­nel­len Thea­ter und zu den Berei­chen Kul­tur, Bil­dung, Sozia­les und Poli­tik wer­den hier archi­viert.

Pla­kat­ar­chiv
Pla­ka­te zu Fes­ti­vals, Ver­bands­ver­an­stal­tun­gen und wei­te­ren Ereig­nis­sen des Amateur-theaterlebens wer­den ergänzt durch eine klei­ne Samm­lung von Pla­ka­ten zu Auf­füh­run­gen des japa­ni­schen Ama­teur­thea­ters, die dem per­sön­li­chen Archiv Norbert Rader­ma­chers ent­stammt.

Samm­lung der AT-Memorabilia
Gegen­ständ­li­che Erin­ne­rungs­stü­cke des natio­na­len wie auch inter­na­tio­na­len Ama­teur­thea­ters, die dem BDAT über­reicht wor­den sind.

AITA/IATA Archi­ve
Viel­spra­chi­ge Doku­men­te zu der Geschich­te der 1952 in Brüs­sel gegrün­de­ten Inter­na­tio­na­len Ama­teur­thea­ter­ver­ei­ni­gung „Asso­cia­ti­on Inter­na­tio­na­le du Thé­ât­re Amateur/International Ama­teur Theat­re Asso­cia­ti­on“ (AITA/IATA), deren Mit­glied der BDAT seit 1967 ist.

VINETA-Archiv
Mate­ria­li­en zu der Geschich­te der über 100 Jahre alten Ber­li­ner Amateurtheater-Bühne „VINE­TA 1900”, die als eine der ältes­ten Mit­glieds­büh­nen eng mit der Geschich­te des BDAT ver­bun­den ist.

EDERED-Archiv (Der Bestand soll noch erschlos­sen wer­den)
Das Teil­ar­chiv des „Euro­pean Drama Encoun­ter“ (EDE­RED)

„Das Archiv ist das Gedächt­nis der Kul­tur“

Inter­view mit Reet Schmidt

Reet Schmidt ist seit sie­ben Jah­ren ver­ant­wort­lich für das Archiv und die Biblio­thek beim Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter (BDAT). Die ers­ten andert­halb Jahre legte sie in die­sem Rah­men die Grund­la­gen für den Archiv­auf­bau. Ihre beruf­li­chen Wur­zeln lie­gen im kul­tur­his­to­ri­schen Bereich, außer­dem war und ist Reet Schmidt in einer wis­sen­schaft­li­chen Biblio­thek tätig. Ihre Fach­kennt­nis­se und Erfah­run­gen aus die­sem Bereich bringt die Kul­tur­his­to­ri­ke­rin ins Archiv BDAT ein.

Frau Schmidt, warum haben Sie sich für die Arbeit im Archiv ent­schie­den?

Ich habe mich nicht für die Arbeit ent­schie­den, son­dern die Arbeit hat sich für mich ent­schie­den – das Archiv hat sich für mich ent­schie­den. Beim Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter (BDAT) war im Gespräch, dass die Geschich­te des Ama­teur­thea­ters zum ers­ten Mal wis­sen­schaft­lich auf­ge­ar­bei­tet wer­den soll­te. Genau zu die­ser Zeit, im Jahr 2013, hatte ich mich über Sig­rid Haase (Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin für den BFD, Anm. d. Red.) beim BDAT bewor­ben und wurde zum Bewer­bungs­ge­spräch ein­ge­la­den. Dabei wurde mir die Arbeit im Archiv offe­riert.

Wel­che neuen Erkennt­nis­se haben Sie bis­lang beim BDAT gewon­nen?

Es ist ein unend­li­ches kul­tu­rel­les Feld. Als ich mit der Arbeit begann, hatte ich vom Ama­teur­thea­ter über­haupt keine Ahnung. Das so genann­te Hoch­thea­ter, die pro­fes­sio­nel­le Szene und die freie Szene, waren mir zu dem dama­li­gen Zeit­punkt durch­aus geläu­fig, aber im Ama­teur­be­reich war mir nichts bekannt. Als ich anfing zu recher­chie­ren, hat mich der Begriff „Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter“ neu­gie­rig gemacht. Es war außer­dem aus his­to­ri­scher Sicht sehr inter­es­sant, die Auf­ga­be sprach also mein Herz als Kul­tur­his­to­ri­ke­rin defi­ni­tiv an. Natür­lich inter­es­sier­te mich eben­falls die tag­täg­li­che Beschäf­ti­gung mit der Spra­che. Mitt­ler­wei­le habe ich schon eini­ge Auf­füh­run­gen im Ama­teur­thea­ter gese­hen und ich bin bezau­bert: Die Qua­li­tät, Auf­füh­rungs­dy­na­mik und Pro­fes­sio­na­li­tät beein­dru­cken mich. Ich fühle mich jedes Mal sehr ange­spro­chen.

Eine der schöns­ten Erin­ne­run­gen ist, dass ich in Bay­ern bei einem klei­nen Fes­ti­val in Markt­red­witz 2017 zu Gast war. Dort trat eine tsche­chi­sche Grup­pe auf und die Insze­nie­rung wurde auf Tsche­chisch auf­ge­führt. Ich wuss­te, dass es um Mozart ging, aber ich spre­che kein Tsche­chisch. Den­noch habe ich jedes Wort ver­stan­den. Ich war und bin immer noch sehr beein­druckt von die­ser Auf­füh­rung. Das hat mich vom Ama­teur­thea­ter über­zeugt.

Was sind Ihre kon­kre­ten Auf­ga­ben und was wird beim BDAT archi­viert?

Die Grund­la­gen für das Archiv wur­den vom Chro­nis­ten Hans-Günter Nagel gelegt, der nach dem Fall der Mauer, ca. 1989-90, in Zusam­men­ar­beit mit dem dama­li­gen Prä­si­den­ten (Ernst Son­der­geld, Anm. d. Red.) beschlos­sen hatte, zunächst ver­schie­de­ne Archi­ve zu besu­chen. Beide fin­gen an, Mate­ria­li­en zusam­men zu suchen und an einem Ort zu depo­nie­ren. Das waren die Vor­schrit­te. Dabei kam sehr vie­les zusam­men, aller­dings glich die Samm­lung mehr einer Lager­hal­le, als dass sie sys­te­ma­tisch auf­ge­baut wor­den wäre. Meine Auf­ga­be ist es seit­dem u. a., diese Ansamm­lung in ver­schie­de­ne Bestän­de auf­zu­tei­len, sie archiv­fach­lich zu bear­bei­ten und Erhal­tungs­maß­nah­men durch­zu­füh­ren.

Wel­che Her­aus­for­de­run­gen sind damit ver­bun­den?

Ein Archiv besteht meis­tens aus meh­re­ren Bestän­den, das ist die so genann­te Tek­to­nik eines Archivs. Das Wich­tigs­te ist, den Erhal­tungs­zu­stand zu bewah­ren, damit es nicht nur 10 bis 15 Jahre hält, son­dern län­ge­re Peri­oden über­dau­ert. Das ist eine sehr zeit­auf­wen­di­ge und -inten­si­ve Arbeit. Dazu gehört, eine Bestands­über­sicht zu erstel­len, ein­zel­ne Bestän­de zu bil­den und Find­bü­cher anzu­le­gen. Dar­über hin­aus wird eine Klas­si­fi­ka­ti­on erar­bei­tet, anhand der Signa­tu­ren, Zugangs- und Bestands­num­mern ver­ge­ben wer­den. Es ist ein hier­ar­chi­scher Auf­bau und er endet damit, dass eine Tief­en­er­schlie­ßung der Archi­va­li­en gege­ben ist. Dies bedeu­tet, dass jedes ein­zel­ne Blatt beschrie­ben vor­liegt und ein*e potentielle*r Nutzer*in weiß, wo man es fin­det, unter wel­cher Signa­tur und unter wel­cher Bestands­num­mer. Das ist, grob umris­sen, meine Auf­ga­be.

Gab es einen oder meh­re­re Schlüs­sel­mo­men­te bei der Arbeit im Archiv?

An einen Moment erin­ne­re ich mich sehr leb­haft. Die Archi­va­li­en waren kun­ter­bunt zusam­men­ge­tra­gen und zum Teil in Kar­tons gestopft. Ich arbei­te­te mich dann suk­zes­siv durch die Schrän­ke und die ein­zel­nen Rega­le. Beim Kon­vo­lut (Bün­del von Schrift­stü­cken), das eigent­lich den Foto­gra­fien vor­be­hal­ten war, bin ich auf etwas gesto­ßen, was mich elek­tri­sier­te. Es waren hand­schrift­li­che Rol­len und Text­bü­cher aus dem Ende des 19. Jahr­hun­derts. Sie waren in einem sehr guten Erhal­tungs­zu­stand. Als ich die über 100 Jahre alten Papie­re in der Hand hatte, erfüll­te mich das mit Ehr­furcht. Es ist groß­ar­tig darin zu blät­tern, weil sie so klar geschrie­ben sind. Es sind Abschrif­ten von u. a. ein­zel­nen Rol­len dama­li­ger Vor­la­gen, weil die Büh­nen nicht so viel Geld hat­ten. Ich konn­te dann recher­chie­ren, dass diese Mate­ria­li­en aus dem pri­va­ten Archiv des Mit­glie­des Fuchs-Falkenstein zu Hans-Günter Nagel gekom­men waren und Herr Nagel das Mate­ri­al an das Archiv wei­ter­ge­ge­ben hatte. Das hat mich dann schon sehr umge­trie­ben, ich war auch ganz auf­ge­regt.

Wie sieht es im Archiv mit his­to­ri­schem Foto­ma­te­ri­al aus?

Ich habe eine große Vor­lie­be für die Foto­gra­fien des Ama­teur­thea­ters und wir haben in unse­rem Kern­be­stand, dem BDAT-Archiv, Auf­füh­rungs­fo­to­gra­fien aus der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik. Die schaue ich mir immer wie­der gerne an. Da sind groß­ar­ti­ge Kos­tü­me und Requi­si­ten zu sehen. Die Damen haben wagen­rad­gro­ße Hüte auf und wal­len­de Klei­der an. Das hat damals eine Qua­li­tät erreicht, die aus mei­ner Sicht ein­zig­ar­tig ist. Heut­zu­ta­ge sind Kos­tü­me und Requi­si­ten der Zeit ange­passt und ange­mes­sen. Damals war man sehr ins Detail ver­liebt. Eini­ge Fotos sind sehr gut erhal­ten. Dazu gibt es auch noch Thea­ter­zet­tel, Ein­lass­kar­ten etc. Es gibt immer ein klei­nes Kon­vo­lut, sodass nach­voll­zieh­bar ist, was zusam­men­ge­hört. So etwas begeis­tert mich, da schlägt mein Herz höher.

Im Febru­ar 2020 haben Sie zeit­gleich zum Tref­fen der Ver­bän­de eine Ein­füh­rung in das Archiv ange­bo­ten. Wie kann ich mir das vor­stel­len?

Das war die erste Ein­füh­rung für Vertreter*innen aus den Mit­glieds­ver­bän­den des BDAT in die Bestän­de des Archivs. Wir haben ins­ge­samt 10 Bestän­de hier. Es ging dabei nicht um die Archiv­ar­beit, also nicht um die Erhal­tungs­maß­nah­men, die durch­ge­führt wer­den müs­sen, son­dern es ging erst mal darum: Was befin­det sich hier in der Geschäfts­stel­le?

Der Bestand fängt bei uns in den 1790er Jah­ren an. Die ältes­te Archi­va­lie stammt aus dem Ende des 18. Jhdts. Es geht ganz schön weit zurück. Ich kann das kurz mal auf­füh­ren: Wir haben ein Kern­ar­chiv, das wir BDAT-Archiv nen­nen und die Samm­lung von Hans-Günter Nagel. Norbert Rademacher, der aktu­el­le Ehren­prä­si­dent, hat einen Teil sei­nes Pri­vat­ar­chivs an uns gege­ben. Das ist der drit­te Bestand.

Außer­dem haben wir ein Foto­ar­chiv, ein Zeit­schrif­ten­ar­chiv und ein Pla­kat­ar­chiv. Der sieb­te Bestand ist die Samm­lung der „AT-Memorabilia“ mit gegen­ständ­li­chen Erin­ne­rungs­stü­cken des natio­na­len wie auch inter­na­tio­na­len Ama­teur­thea­ters. Es gibt drei soge­nann­te Depo­si­ta. Das sind Bestän­de bzw. klei­ne Archi­ve, die in die Obhut des BDAT gege­ben wor­den sind, um hier auf­ge­ar­bei­tet zu wer­den, damit sie erhal­ten und zur Nut­zung wei­ter­ge­ge­ben wer­den kön­nen. Eines davon ist das AITA Archiv der inter­na­tio­na­len Ama­teur­thea­ter­ver­ei­ni­gung. Die AITA/IATA wurde 1952 in Brüs­sel gegrün­det. Das Archiv besteht aus 273 Kar­tons, deren Inhalt hier in den letz­ten zwei Jah­ren zur Erhal­tung auf­ge­ar­bei­tet wor­den ist. Das ist jetzt für die nächs­ten Jahr­zehn­te erst­mal gesi­chert.

Ein wei­te­res Depo­si­tum beka­men wir von der Vine­ta Bühne aus Berlin, die über 100 Jahre alt und eines der ältes­ten Mit­glie­der des BDAT ist. Sie wurde 1900 gegrün­det und ist sehr eng mit der Geschich­te des BDAT ver­bun­den. Maß­geb­li­che Funk­tio­nen im BDAT sind immer wie­der von Mit­glie­dern der Vine­ta besetzt wor­den. Auch Herr Nagel war z. B. ein lang­jäh­ri­ges Mit­glied.

Das drit­te Depo­si­tum ist das Teil­ar­chiv der inter­na­tio­na­len Jugend­thea­ter­or­ga­ni­sa­ti­on Euro­pean Drama Encoun­ters (EDE­RED). Ich bin aktu­ell dabei, das so genann­te Zwi­schen­ar­chiv zu bil­den, aber das steckt alles noch in den Kin­der­schu­hen. Das war wirk­lich nur eine Ein­füh­rung in das, was man hier fin­det, nicht wie es bear­bei­tet wird.

Viele Büh­nen und Ver­ei­ne fra­gen sich, wie sie ihre Arbeit bewah­ren bzw. archi­vie­ren kön­nen. Sie haben seit vie­len Jah­ren Erfah­run­gen gesam­melt und ver­schie­de­ne Archi­ve und Samm­lun­gen auf­ge­baut. Wor­auf ist dabei zu ach­ten und wel­che Tipps und Tricks kön­nen Sie mit auf den Weg geben?

Das sind keine Geheim­nis­se und dar­über gibt es auch Infor­ma­tio­nen im Inter­net. Es geht darum: Wie erhal­te ich ein Ver­bands­ar­chiv oder ein Büh­nen­ar­chiv? Wich­tig ist die soge­nann­te Archiv­wür­dig­keit, also die Ent­schei­dung dar­über, was ein Ver­ein behal­ten möch­te.

Bei Vor­ga­ben bin ich lei­den­schafts­los, weil jede Bühne ande­re Schwer­punk­te hat. Wor­über ich mich per­sön­lich als poten­zi­el­le Archiv­nut­ze­rin freu­en würde, sind bei­spiels­wei­se Grün­dungs­ur­kun­den. Das ist sehr inter­es­sant, weil die Nutzer*innen einen ein­zu­ord­nen­den Zeit­punkt haben und sich eine Vor­stel­lung davon machen kön­nen, wie es damals aus­sah. Dazu gehö­ren Thea­ter­zet­tel von den Auf­füh­run­gen, Pla­ka­te, Foto­gra­fien und alles, was sich damit in Ver­bin­dung brin­gen lässt. Pro­to­kol­le sind etwas ganz Wich­ti­ges bei einem Ver­ein oder einer Bühne. Sie müs­sen defi­ni­tiv gesam­melt wer­den. Wenn die Mög­lich­keit besteht, wäre es schön, auch etwas von der Requi­si­te, den Kos­tü­men und dem Büh­nen­bild auf­zu­be­wah­ren. Dazu fehlt meis­tens der Platz. Wenn es schon Chro­ni­ken gibt, weil jemand in frü­he­ren Zei­ten etwas nie­der­ge­schrie­ben hat, soll­ten diese eben­falls auf­ge­ho­ben wer­den. Immer das Ori­gi­nal auf­be­wah­ren!

Wel­che Tipps kön­nen Sie geben, wenn der Archiv­platz beschränkt ist?

Wenn man nicht die Mög­lich­kei­ten hat, Archi­va­li­en, Doku­men­te und Mate­ria­li­en auf­zu­be­wah­ren, dann kön­nen Stadt­ar­chi­ve ange­spro­chen wer­den. Eine Thea­ter­grup­pe, die im Dorf aktiv ist, könn­te sich an die Kreis­stadt wen­den. Es gibt häu­fig Archi­va­re, die das Mate­ri­al gern auf­neh­men. Sie wis­sen oft­mals nur nicht, dass es etwas gibt. Und Archi­va­re auf die­ser Ebene kom­men auch gerne zu den Büh­nen und gucken sich die Archi­va­li­en an. Sie geben Tipps zum Archi­vie­ren und kön­nen hel­fen. Bei Archi­va­ren, zumal grö­ße­rer Insti­tu­tio­nen, gilt die Faust­re­gel: 70 % der vor­ge­fun­de­nen Archi­va­li­en kön­nen weg, in die Tonne! Sie sind sehr rigi­de in ihrer Ein­schät­zung der Archiv­wür­dig­keit. Davon würde ich mich nicht beein­dru­cken las­sen. Jede Bühne muss selbst wis­sen, was sie archi­vie­ren möch­te.

Auf wel­che Kri­te­ri­en ist zu ach­ten, damit der Archiv­be­stand nicht beschä­digt wird?

Beim Archi­vie­ren ist es wich­tig, ein kon­stan­tes Klima zu bewah­ren. Also kein Kel­ler und kein Dach­bo­den! Auf dem Dach­bo­den herrscht zu viel Hitze und u. U. Son­nen­ein­strah­lung, im Kel­ler kann es zu Feuch­tig­keit, schlimms­ten­falls zu Nässe mit Schimmel- und Geruchs­bil­dung kom­men. Gut ist ein kon­stan­tes Mit­tel­maß von 18-20 Grad Cel­si­us. Die Luft­feuch­tig­keit ist das, was am strengs­ten kon­trol­liert wer­den muss, auch wenn es nicht so leicht umzu­set­zen ist.

Ich plä­die­re immer dafür, alle Mate­ria­li­en aus Ord­nern oder Plas­tik her­aus­zu­neh­men und in Kar­tons zusam­men zu tra­gen und auf­zu­be­wah­ren. Außer­dem soll­ten Metall­tei­le, Plas­tik, Kunst­stoff, Klam­mern, Tacker­klam­mern und Tesa­film­strei­fen ent­fernt wer­den. Das alles zer­setzt Papier. Bloß nichts in Plas­tik­hül­len auf­be­wah­ren, weil das sofort Mikro­kli­ma und Schim­mel bil­det! Es gibt zwar die Mög­lich­keit, das Mate­ri­al pro­fes­sio­nell auf­ar­bei­ten zu las­sen, aber das kos­tet viel Geld. Es soll­te auch dar­auf geach­tet wer­den, dass die Kar­tons säu­re­frei sind, weil Säure Papier zer­setzt, zumal altes Papier. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg war die Papier­qua­li­tät sehr schlecht und Archi­va­li­en aus die­ser Zeit sind dann als ers­tes davon betrof­fen. Es gibt z. B. pro­fes­sio­nel­le Archiv­kar­tons, die wir auch im Archiv BDAT ein­set­zen. Lei­der haben wir der­zeit – auch aus Kos­ten­grün­den – einen Misch­be­stand mit ande­ren Auf­be­wah­rungs­ma­te­ria­li­en, die teils Geruch oder Säure abson­dern. Diese müs­sen suk­zes­siv ersetzt wer­den.

Wich­tig ist auch, ein klei­nes Inven­tar zu füh­ren, damit man weiß, wo man was fin­det. Das muss nicht pro­fes­sio­nell erfol­gen. Man kann sagen: Das ist Kar­ton 1 und darin befin­den sich Pro­to­kol­le von 1910-1920. Für die Inven­tar­lis­te muss nicht foliert wer­den – das heißt, das Blatt muss nicht gezählt und num­me­riert wer­den. Es braucht auch kein groß­ar­ti­ges Lay­out, man kann es hand­schrift­lich füh­ren. Es ist immer gut, wenn eine Per­son das macht. Bei Ver­än­de­run­gen im Vor­stand bzw. bei Ver­ant­wort­li­chen ist dar­auf zu ach­ten, dass alle Pro­to­kol­le an das Archiv abge­ge­ben wer­den, sodass es keine Lücken gibt. Eine Bestän­dig­keit ist wich­tig!

Beim Archi­vie­ren gibt es keine Pagi­nie­rung, also keine Vor- und Hin­ter­sei­te, wie man das bei einem Buch vor­fin­det, son­dern da wird foliert. Die Anga­be lau­tet: Blatt 1 Vor­der­sei­te, Blatt 1 Rück­sei­te und so wird das fort­ge­führt Diese archiv­fach­li­chen Vor­ga­ben wer­den im Archiv BDAT befolgt.

Gibt es spe­zi­el­le Anfor­de­run­gen bei der Auf­be­wah­rung von Papier-Fotos?

Bei Foto­gra­fien ist es ähn­lich. Kunst­stoff und ande­re Mate­ria­li­en soll­ten ent­fernt wer­den. Es gibt bestimm­te Mate­ria­li­en, mit denen gear­bei­tet wer­den kann. Foto­gra­fien las­sen sich in einem Album auf­be­wah­ren, aber sie sind ohne Kunst­stoff und Kle­ber auf­zu­brin­gen. Die ein­zel­nen Fotos soll­ten nicht mit der Bild­sei­te auf­ein­an­der lie­gen, sodass sie sich abrei­ben. Das ist ana­log, irgend­wann ein­mal ist nichts mehr da. Papier und auch Foto­gra­fien haben die Ange­wohn­heit, nach einer gewis­sen Zeit mit Kunst­stoff zu ver­ba­cken, dann bekommt man sie nicht mehr gelöst oder es wer­den Stü­cke aus­ge­ris­sen. Meis­tens sind das aber Uni­ka­te und dann hat man ein Foto, auf dem nichts mehr abge­bil­det ist.

Wir haben hier im Bestand über 10.000 ana­lo­ge Foto­gra­fien und eine Unzahl von digi­ta­len, deren Haupt­an­zahl sich beim Öffent­lich­keits­re­fe­rat befin­det. Das ver­wal­tet beim BDAT Frau Kel­ler­mann. Der his­to­ri­sche Bestand geht zurück bis in die Jahre 1900-1910, zum Ende des Kai­ser­rei­ches. Sie doku­men­tie­ren die Fes­ti­vals, die Per­sön­lich­kei­ten und die ganze Band­brei­te des Ama­teur­thea­ters sehr gut. Nicht nur natio­nal oder euro­pä­isch, son­dern auch erd­um­span­nend.

Foto­gra­fien sind im Archiv im Bear­bei­tungs­mo­dus das Her­aus­for­dernds­te. Wenn sie nach dem Bear­bei­ten erfasst wer­den, muss ent­we­der die Pixel­an­zahl oder das For­mat ange­ge­ben wer­den. Die Abmes­sung muss kor­rekt sein. Beson­ders wich­tig ist es anzu­ge­ben, wer oder was sich dar­auf befin­det. Sonst gibt es nach vie­len Jah­ren das Pro­blem, dass nie­mand mehr die Leute iden­ti­fi­zie­ren kann. Wenn ein Ver­band ein alt gedien­tes Ama­teur­thea­ter­pferd hat, soll­te man die­ses am bes­ten nach den Per­so­nen, die auf den Foto­gra­fien zu sehen sind, fra­gen. Anzu­ge­ben sind dabei Vor­na­me und Fami­li­en­na­me: wegen des Daten­schut­zes keine Geburts­da­ten oder ande­re per­sön­li­che Daten, aber die Funk­tio­nen in der Bühne oder beim Ver­ein. Wenn diese Infor­ma­tio­nen nicht vor­lie­gen, kann man als Archi­var nur noch Fra­ge­zei­chen von links nach rechts ange­ben. Wich­ti­ge Anga­ben sind auch das Datum der Urauf­füh­rung und evtl. wei­te­rer Auf­füh­run­gen, der Name des Stü­ckes und die Anzahl der Auf­füh­run­gen.

Was ist Ihr Wunsch oder Ihre Auf­for­de­rung an die rund 2.500 Mit­glieds­büh­nen im BDAT?

Ich plä­die­re dafür, dass jede klei­ne Bühne ver­sucht, sich ihrer Ver­gan­gen­heit und ihrer Wur­zeln bewusst zu wer­den. Wo sie heute steht, kann sie nur bestim­men, wenn sie weiß, wo sie her­kommt. Es ist nicht jeder geschichts­be­wusst, aber es ist wich­tig, sich his­to­ri­sche Infor­ma­tio­nen zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Wenn ein Mensch nicht weiß, wo er her­kommt, bringt ihn das manch­mal in sehr große Nöte. Ähn­lich ist es auch bei einem klei­nen Ver­band oder einer Bühne. Es ist gut zu schau­en, wie bestimm­te Pro­ble­me gelöst wur­den und her­aus­zu­fin­den, wie vor­ge­gan­gen wurde, als es eine Krise gab. Auch zu wis­sen, wie ein Antrag gestellt wurde, kann hilf­reich sein und als Inspi­ra­ti­on die­nen. Archiv­ar­beit  ist mit ein biss­chen Mühe und Geld ver­bun­den, aber meis­tens fin­det sich jemand, der nicht auf der Bühne ste­hen möch­te, son­dern eher im Hin­ter­grund agie­ren will.

Beim BDAT decken wir einen Zeit­raum von über 125 Jah­ren ab. Das ist groß­ar­tig. Wenn wir das nicht hät­ten, wäre es ein gro­ßer Wer­te­ver­lust. Es posi­tio­niert und erdet.

Wir haben im Archiv nicht nur Archi­va­li­en. Zum Archiv gehört auch eine klei­ne Biblio­thek mit Lite­ra­tur zum, über und vom Thea­ter, auf die ich sehr stolz bin. Es ist wich­tig, so etwas zu sam­meln, denn dar­un­ter sind häu­fig auch Chro­ni­ken und Jubi­lä­ums­schrif­ten. Damit ver­ge­wis­sert sich eine Bühne, woher sie kommt. Meh­re­re Kolleg*innen und ich ver­su­chen das schwer­punkt­mä­ßig auf­zu­bau­en und zusam­men­zu­tra­gen. Das ist das zwei­te Bein hier im Archiv. – Heut­zu­ta­ge, vom wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt betrach­tet, wer­den Archiv- und Biblio­theks­wis­sen­schaf­ten zusam­men­ge­bracht. Frü­her war das etwas anders, weil die Her­an­ge­hens­wei­se – und wie der jewei­li­ge Gegen­stand behan­delt wird, sich unter­schei­den. Aber es hat bei­des mit Papier zu tun, das beschrie­ben ist.

Vie­len Dank für das Gespräch.

Interview: Carina Ibsch, Studentin der Kulturwissenschaften, im Rahmen ihres Praktikums in der Öffentlichkeitsarbeit beim BDAT (Mai 2020)

Das Archiv des Bund Deut­scher Ama­teur­thea­ter e. V. (BDAT) ist nur nach tele­fo­ni­scher bzw. E-Mail-Anmeldung zu den Öff­nungs­zei­ten zugäng­lich. Detail­lier­te Anga­ben über das ange­streb­te Recher­che­ziel und die gesuch­ten Mate­ria­li­en erleich­tern es uns, ent­spre­chen­de Archi­va­li­en im Vor­feld her­aus­zu­su­chen und zeit­ge­nau bereit­zu­stel­len. Vor Ort gibt es vier Lese- und Arbeits­plät­ze, es ist ein WLAN-Zugang für Archiv­nut­zer vor­han­den, und es besteht die Mög­lich­keit, Repro­duk­tio­nen anfer­ti­gen zu las­sen.

Es gilt die Archiv­ord­nung des BDAT.

Mon­tag und Don­ners­tag
10.30 bis 15.00 Uhr (ab Janu­ar 2020)

Info & Kontakt:

Bund Deutscher Amateurtheater e.V.
Reet Schmidt
Archiv & Bibliothek
Lützowplatz 9 // 10785 Berlin

Fon 030 26398590

archiv@bdat.info
www.bdat.info